Stanisław Koba - Zeitgenössische Kunst aus Krakau, Polen (2007)

Mariusz Salwinski
artdesigncafé - art

| Publiziert 30. September 2011
Der Text wurde zunächst im Ausstellungskatalog veröffentlicht ,,Otwarta pracownia— Offenes Atelier, Zeitgenössische Kunst aus Krakau" (16. September - 4. November 2007) Kunsthalle Erfurt, Deutschland.


Stanisław Koba, der Slawe

Die ersten Szenen der frühchristlichen Freskomalerei in den Katakomben von Rom sind streng voneinander abgesetzt, jede mit eigenem Symbolgehalt. Es sind gezeichnete, kurze und auffallend bedeutungsgeladene Kunst-Sequenzen. Eben die Kunst des Symbols, des markanten Zeichens.

Mit diesen knappen Worten kann man auch das kunstlerische Credo von Stanisław Koba charakterisieren. Der aufdringlichen, "ursprünglichen" slawischen Magie seiner Arbeiten, wie zum Beispiel im Zyklus der "Holzbilder" aus den 1990er Jahren (,,Apfel", ,,Turm", ..Schloss") oder im Bild ,,Rebellierende Engel" aus dem Jahre 2005 zu sehen, konnte man sich nicht entziehen. Koba betreibt in seiner Kunst die Vergegenwärtigung slawisch-religiöser Mythen der bäuerlichen Urbevölkerung und knüpft damit an die panslawische Idee an. Worm besteht diese slawische Ethnologie in Kobas Kunst? Zum Beispiel in der Verwendung organischer Materialien wie Holz, Stroh und Leinen, die der Künstler nicht nur als Stilmittel benutzt, sondern auch als Möglichkeit, bestimmte inhaltliche Aussagen ins Bild zu bringen. Er selbst spricht vom eigenem Leben, der eigenen Seele des Werkes. Für Betrachter, die in der polnischen Kultur aufgewachsen sind, bedeutet die Annährung an derartige Bilder eine innere, emotionale Reise in die eigene Vergangenheit, Kindheit, Vertrautheit.

Die "urslawischen Momente" in seiner Kunst verstärkt Stanisław Koba durch die Art, wie er die Oberfläche des Bildes gestaltet. Die Werke, die Objekte sind selten gemalt, sondem zumeist geritzt, geschnitzt und nur durch einen sparsamen Farbauftrag ergänzt. Diese krude Vorgehensweise suggeriert dem Rezipienten eine gewisse "Altertümlichkeit" des Werkes, einen langjahrigen Dialog und eine Auseinandersetzung mit den Künsten unterschiedlichen Ursprungs. Ihre Ikonographie, das heißt, ihre grundsätzliche Botschaft, ist überwiegend auf ein augenfälliges, lapidares, fast naives Zeichen beschrankt— so in ,,Serpentinenpferdchen" (aus Serpentinenlinien skizziertes Pferdchen, Anm. d. Autors), ,,Getretener Hund", ,,Ein Vögelchen ist aus dem Netz herausgefallen" (2004). Jede überflussige erzählerische Komponente wird aus dem Bild verbannt. Beispiele dafür sind Werke wie ,,Gestüs" (2005), ,,Gestus des Soldaten", ,,Gestus des Fußballers", ,,Gestus des Christen" oder ,,Gestus des Malers".

In den neusten Arbeiten resultiert die emblemartige Form des Prototyps, als das Wesentliche, das Essentielle im Bild, daraus, dass Koba das ,,Disegno", die Photoaufnahme, den Computerprint oder die Filmsequenz uberdimensional auf die Leinwand überträgt. Die so gewonnenen Motive umschlieBt er mit Konturen, füllt sie mit der ,,fetten" schwarzen Farbe aus und lässt den unbearbeiteten Hintergrund frei. Hier sind besonders die Bilder ..Kinder der Leningrader Blockade", ..Kanal" und ,,Boxer Klitschko" zu vermerken.

Stanisław Koba’s ,,Stammeskunst" hat einen langen Weg absolviert, um zu ihrer heutigen Form und Aussage zu gelangen. Einerseits verweist sie auf die narrative Ambivalenz von Bildzeichen, andererseits sensibilisiert sie uns für die Flut von übereiligen und verkürzten, klischeeartigen Bildern, die wir tagtäglich aus unterschiedlichsten Anlässen medial vorgesetzt bekommen, ohne die komplizierten Zusammenhänge des gesellschaftlichen, historisch-politischen und künstlerischen Hintergrundsje zu erfahren.

Mariusz Salwiński
Ausstellungskurator

Vgl. Einführung des Ausstellungskataloges Otwarta pracownia— Offenes Atelier, Zeitgenössische Kunst aus Krakau.